Fragen & Antworten: Toile de Jouy-Tellerrock

Ihr Lieben, vielen Dank für eure tollen Kommentare! An dieser Stelle möchte ich kurz erwähnen, wie sehr ich mich darüber freue, eine so nette Leserschaft zu haben. Wie heißt es nicht so schön? Your comments feed my blog. :)

Da meine Saumverarbeitung bei meinem ersten ernsthaften Tellerrock doch viele Nähnerds zu interessieren scheint werde ich hier auf die Fragen eingehen, die in den Kommentaren aufgetaucht sind. Sollte dennoch etwas ungeklärt bleiben, hinterlasst einfach einen Kommentar, ich werde antworten und die Frage im Beitrag einfügen.

Punkt eins: Versteifungsband – what?!
Versteifungsbänder habe ich das erste Mal bei Brautkleidern gesehen (nein, ich möchte nicht heiraten und schon gar nicht im Brautkleid), auch bei Tanzkleidern sind sie manchmal zu finden.
Eine Google-Suche nach Versteifungsband liefert auch schon Ergebnisse, das Band ist wohl auch als Crinoline bekannt. Wieder was gelernt.
Mema hat auch das Wort „horsehair braid“ in den virtuellen Raum geworfen – Bingo! Den Begriff habe ich auch schon mal gehört, aber gleich wieder vergessen. Kein Wunder, bei horsehair denke ich eher an eine Rosshaareinlage.
Ich habe mir eine ganze Rolle bei Ebay gekauft.

Punkt zwei: Alternativen?
Eine wirkliche Alternative fällt mir nicht ein. Die Idee, steifen Tüll zu nehmen, fand ich zuerst einleuchtend, könnte auch funktionieren, aber so schön wie mit dem Versteifungsband wird das glaube ich nicht werden. Erstens hat der Tüll pieksige Kanten – gut, da hilft vielleicht mit dem Feuerzeug abflämmen. Aber das Versteifungsband hat durch die diagonale Webart die Eigenschaften eines Schrägbands, es lässt sich dehnen, aber auch zusammen schieben, dadurch entsteht der tolle Faltenwurf. Seht selbst:



Der Effekt, dass das Band sich gut ziehen lässt, sieht man gut, dass das Band beim Stauchen breiter wird, eher weniger. Aber dass das Band sehr flexibel ist und dadurch schwer zu ersetzen erkennt man glaube ich ganz gut.

Punkt drei: Stoff aushängen lassen?
Ich habe den Stoff nicht vorher aushängen lassen. Wie? Was? Ja, richtig gehört. Ich habe im Schnitt schon beachtet, dass der Stoff sich im schrägen Fadenlauf ausziehen wird, und das war ein richtiger Volltreffer. Vielleicht war es auch Glück, aber wie ihr auf den Fotos seht, ist der Saum gerade. Ich bin wie folgt vorgegangen:


Der helle Viertelskreis ist der ursprüngliche Kreis, wie man ihn bei einem herkömmlichen Tellerrock schneiden würde. Der Radius ist hier meine gewünschte Rocklänge.
Ich habe mir eine Hilfslinie gezogen, die vom Kreismittelpunkt im 45°-Winkel zur Seitennaht und HM/VM verläuft. An dieser Linie habe ich mein Konstruktionspapier geknickt, also in den Bruch gelegt, dann sind meine Bogenverläufe nachher genau identisch.
An der Seitennaht (und somit auch an der HM/VM, die ja gespiegelt wird) habe ich zwei Zentimeter dazu gegeben und den Verlauf so ausgezeichnet, dass die Kurve bei der 45°-Hilfslinie wieder auf meinen ursprünglichen Kreis trifft. Somit erhält man ein gaaaanz leichtes Oval – auf dem Schema hier ist es schon übertrieben dargestellt, bei dem richtigen Schnitt fällt das so gut wie nicht auf.
Das war schon alles; im Anschluss habe ich diesen Achtelskreis ausgeschnitten und aufgeklappt, damit sich wieder ein Viertelskreis ergibt, bei dem der Verlauf zwischen HM/VM und der Hilfslinie und der Seitennaht und Hilfslinie identisch sind.
An der Stelle, an der der Stoff im schrägen Fadenlauf ist, also 45° zum eigentlichen Kett-/Schussverlauf, wird der Stoff sich aushängen und auf dem gleichen Niveau sein wie die Stellen, bei der ich zwei Zentimeter zugegeben habe. Somit habe ich auch die Saumzugabe: Ein Zentimeter zum Annähen des Futters und ein Zentimeter, der sich um das Versteifungsband legt.

Je nach Belieben kann man jetzt noch die Nahtzugabe an die Seitennaht anzeichnen bevor man den Schnitt ausschneidet.
Ich habe Oberstoff und Futter gleich geschnitten, das Futter aber beim Verstürzen einen Zentimeter raus geschoben (man kann es natürlich auch einen Zentimeter kürzer schneiden). Da der Oberstoff sich einen Zentimeter um das Versteifungsband legt hat das Futter dann wieder die richtige Länge und ist nicht zu lang und nicht zu kurz.
Ich habe den Rock einfach genäht und ihn dann erst zum Aushängen aufgehängt.
Bei mir hat diese Methode super funktioniert! Ich garantiere nicht, dass sie bei allen Stoffen klappt, z.B. bei Kreppstoffen würde ich vorsichtig sein, da diese generell zum Ausziehen neigen und dann vielleicht doch teilweise mehr als zwei Zentimeter aushängen. Ich werde noch einen Rock nach der Methode mit einem anderen Stoff nähen und berichten, wie das funktioniert.

Punkt vier: Wie schwer fällt der Stoff?
Mein Toile de Jouy-Stoff ist ein Dekostoff, das merkt man auch. Er ist relativ schwer und fest. Beim Auspacken des Stoffes habe ich zuerst gedacht, dass ich mich etwas verschätzt hätte, da der Stoff steifer war, als ich erwartet habe. Vor dem Zuschnitt habe ich ihn gewaschen, dadurch ist er um einiges weicher geworden. Er ist zwar immer noch viel fester als die Standard-Bekleidungsbaumwolle, aber: genau das finde ich richtig, richtig gut! Der Stoff hat genau das Mittelmaß zwischen leichtem und schwerem Fall, das ich mir erhofft habe. Ich mag es nicht, wenn Röcke so leicht sind, dass sie bei jedem Windstoß wegflattern und ich dauernd à la Marilyn meinen Rock festhalten muss.
Hier ist die Beschreibung bei stoffe.de – ihr könnt ja mal die Gewichtsangabe mit anderen Stoffen vergleichen, falls ihr auch dort zuschlagen möchtet, euch aber unsicher seid, wie steif die Stoffe sind.

Punkt fünf: Verstürzen = schwierig?
Nope! Das Wichtige ist einfach, sich Zwicke als Anhaltspunkte zu setzen. Da ich Futter und Oberstoff gleich zugeschnitten habe, war das gar kein Problem, da die Zwicke auf jeden Fall überein gestimmt haben.

Da ich mehr Nachfragen zu der Saumverarbeitung bekommen habe als vermutet werde ich eine Tellerrock-Anleitung schreiben!

Ich werde meiner Freundin Laura einen Rock nähen und für die einzelnen Etappen Posts online stellen. Der Stoff und die Zutaten sind schon bestellt, jetzt müssen sie nur noch ankommen.
Der Rock wird genau nach dem gleichen Schema aufgebaut sein wie dieser hier. Schnitterstellung, eventuell Zuschnitt, meine Nahtreißverschluss-Methode, Reißverschluss einfüttern, Nahttasche, die Sache mit dem Futter (ist komplizierter zu erklären als sie tatsächlich ist, manchmal finde ich nicht die richtigen Worte, um Erklärungen rüber zu bringen), Saumverarbeitung und Bundverarbeitung werde ich in der Anleitung abdecken!
Vielleicht hat ja jemand Lust auf einen Tellerrock-Sew Along?

Solltet ihr noch weitere Fragen haben, stellt sie einfach unter diesem Post als Kommentar und ich werde so gut wie möglich darauf eingehen!
Ich wünsche euch ein schönes verlängertes Wochenende mit viel Sonnenschein!

14 Kommentare zu “Fragen & Antworten: Toile de Jouy-Tellerrock

  1. Toll, Danke! Rock und Futter einfach zu verstürzen finde ich genial. Muss ich mir unbedingt für den nächsten Teller merken.

    Dieses Versteifungsband habe ich in dunkelgrau schon mal hier im Laden gesehen – ich glaube, das findet man auch unter der Bezeichnung Crinol. (Im Grunde ist das auch alles die gleiche Bezeichnung in allen Sprachen: Horsehair ist tatsächlich Rosshaar, und frz. crin bedeutet auch Rosshaar – daraus wurde die deutsche Krinoline. Das geht darauf zurück, dass die Unterröcke, bevor Mitte des 19. Jh.s Stahlreifen gebräuchlich wurden, tatsächlich mit Rosshaar versteift wurden und das – wie so oft – eine Mode aus Frankreich war, so dass man das Wort gleich mit übernahm. Ich hoffe das kommt nicht klugscheißerisch rüber – so isses nicht gemeint – solche Zusammenhänge sind ein Hobby von mir.)

    viele Grüße! Lucy

  2. Danke für die ausführliche Erklärung. Ich finde es sehr interessant, was du über deinen Tellerrock schreibst. Ich freue mich schon auf das Tutorial !
    LG Ria

  3. @Lucy: Ich finde die Methode auch klasse. Ist eine saubere Verarbeitung ohne Stress und sieht auch beim Drehen besser aus, finde ich. :)

    @DreiPunkteWerk: Super! Freut mich, dass du am Sew Along Interesse hast! :) Wenn mein Stoff da ist werde ich mal einen Terminplan aufstellen, wann ich welchen Schritt erklären werde.

    @Pepita: Danke! Ich freue mich schon, das Tutorial zu schreiben!

  4. Toll!! Grundsätzlich interessiert mich ein Sew along auch, ich stecke allerdings gerade im Umbau und Umzug und vielleicht schwächel ich unterwegs bei der Zeit…

  5. @CM: Kein Problem! Ich mag generell nicht bei Sew alongs mitmachen, weil mich das so unnötig unter Druck setzt. Und den will ich bei meinem Hobby echt nicht haben.
    Mein Sew along wird sowieso kein klassischer Sew along werden, da ich momentan auch in einer richtig stressigen Phase stecke und da nicht an einem Datum festhalten will.

  6. Sehe gerade das mein Kommentar von gestern gar nicht raus ist?!
    dann nochmal………
    einen tollen Post hast du geschrieben. Das Band kannte ich nicht, das will ich mir zulegen.
    Ein Sew along fände ich toll, bin mir aber nicht sicher ob ich mitmachen werde, denn mit Tellerröcken bei 1,78 m Größe … da komme ich mir so voluminös vor. Ich werde es mir überlegen.
    LG
    Christine

  7. @Christine: Juhu, noch eine Person, die auf das Versteifungsband gekommen ist. :)

    Das kann ich gut verstehen! Bei meinen 1,66m geht das auch nur in der richtigen Länge, sonst sieht es zu gestaucht aus.
    Ich würde mich auch schon riesig freuen, wenn du nur den Sew Along mitverfolgen würdest. :)

  8. es gibt ne menge alternativen zur verarbeitung vom saum, im sinne versteifung. das meiste steht in professionellen bücher wie haute couture tipps und tricks.
    tüll ist nciht picksig:-)))bringt bloß nichts.
    die älteste vertsteifungstechik ist bei dirndl;-)kittelblech;-)
    ober aber grosse saumzugaben und biesen.
    wenn ich noch länger nachdenke, fallen mir noch 10 möglichkeiten ein:-)

  9. Danke für die ganzen Infos. Deine Methode, die Ausdehnung gleich mit einzuplanen, finde ich genial. Sew-alongs finde ich meistens auch stressig, weil ich es selten schaffe, rechtzeitig fertig zu werden, trotzdem werde ich dein Tutorial verfolgen.
    LG
    Susanne

  10. @sewing galaxy: Klar gibt’s noch andere Varianten und das ist auch nicht die einzige, die ich kenne. Hier geht’s aber konkret um die mit der Krionline. ;)
    Naja, das mit dem piecksigen Tüll stimmt schon – einmal mit steifem Brauttüll gearbeitet = zerkratzte Unterarme.

    @Januarkleider: Super, freue mich! :)

  11. Hallo, erst mal ganz lieben Dank für die Riesenmühe, die du dir machst uns den Tellerrock zu erklären. Habe heute alle Zutaten besorgt, leider gab es das Versteifungsband nicht.
    Ich würde gerne wissen, wie breit das Versteifungsband ist und wieviel ich mir bestellen muss . Der Stoff ist 1,40 breit.
    Ich freue mich auf die Antwort.
    LG Susanne

  12. @Susanne: Das Band gibt’s in verschiedenen Breiten, je nachdem, wie ausgeprägt die „Wellen“ am Saum sein sollen, desto Breiter sollte das Band sein.
    Die Länge ist abhängig vom Saumumfang, der wiederum von der Rocklänge (=Radius) abhängig ist. Du kannst sie mit der Formel U = 2π • Rocklänge berechnen.

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