Generation Pragmatisch
Die zweite Aufführung eines Stückes ist meistens nicht so gut wie die Premiere. Das hat verschiedene Gründe, beispielsweise weil man dazu neigt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen und der Drive und die Euphorie von der Premieren-, alles-muss-jetzt-gut-laufen-Aufführung abgeklungen ist. Das ist ja aber weder ein Beinbruch noch der Weltuntergang. Ich war schon darauf eingestellt, dass wir die letzte Aufführung nicht überbieten können, hab da aber nicht damit gerechnet, dass sich alle noch mal dermaßen reinhängen, dass ich in der zweiten Hälfte des Stückes wortwörtlich mit offenem Mund dasaß, obwohl ich das Stück schon zigmal gesehen hatte.
Ich meine, den Grund für diesen grandiosen zweiten Durchlauf zu kennen. “Für Max”, hieß es, “strengen wir uns nochmal richtig an”. Und das haben sie getan. Max, der eigentlich eine der Hauptrollen hatte, aber wegen seiner Ausbildung nicht mehr mitspielen konnte, ist aus Mannheim gekommen und saß im Publikum. Viele waren nach der Premiere so begeistert, dass sie auch noch zu der zweiten Aufführung gekommen sind. An beiden Tagen hatten wir also volles Haus, was mich unglaublich gefreut hat, nicht wegen dem Geld – wir haben keinen Eintritt verlangt, aber Spenden waren gerne gesehen – sondern weil die Schauspieler und Marcel, der Regisseur, es einfach verdient haben. Es gibt für einen Schauspieler nichts Schlimmeres als in einem leeren Saal zu spielen.
Ich will gar nicht jede Kleinigkeit aufzählen, ich war so euphorisiert und glücklich, dass ich von Schauspieler zu Schauspieler gelaufen bin und Komplimente über die überzeugende Spielweise ausgeteilt habe. In vielen Punkten fand ich die zweite Aufführung sogar besser als die erste.
Es war ein schöner Abend mit einer tollen Aufführung und einer sehr lustigen Aftershow-Party in einem Restaurant, dessen Küche schon geschlossen hatte.
Sonntag war dann Aufräumen angesagt – wir waren fünf Mädels plus Marcel. Uns hat das Herz geblutet. Wenn ich das nächste Mal die Turnhalle betrete, ist da eine leere Bühne und keine Spur mehr von dem, was wir aufgebaut und geleistet haben. Alle guten Dingen gehen mal zu Ende, und das, was bleibt, ist in den Köpfen der Menschen – die Erinnerungen an das Stück, die Handlung, und vielleicht macht sich ja der ein oder andere Gedanken darüber, wohin unsere Gesellschaft steuert und tut seinen Teil, um das zu ändern oder andere darauf aufmerksam zu machen. Haben wir nicht das selbe getan?
Ich hab viel gelernt in den letzten Monaten. Genieße die Gegenwart, denn später wirst du vor einer leeren Bühne stehen, aber mit Erinnerungen daran, wie geil die Zeit war, und das hilft ungemein. Gib dein Bestes, tu was du liebst, und helfe damit nicht nur dir, sondern auch anderen. Engagement macht sich immer bezahlt – auch wenn andere es vielleicht nicht zu schätzen wissen, du weißt, dass du deine Arbeit ordentlich gemacht hast, mehr gemacht hast, als gefragt war, und dieser Gedanke fühlt sich zehnmal besser an als zu denken, dass man dieses oder jenes eigentlich hätte besser machen können. Und vor allem: Es geht immer besser. Ruhe dich nicht auf Lorbeeren aus, sondern gib alles, und die Leute werden mit offenem Mund dasitzen.
Ich weiß jetzt, wo ich hingehöre.

Ja, stimmt. Ich war da Sonntag zum Letzen mal. Es wird ja in der nächsten Spielzeit leider nicht mehr vom Staatstheater bespielt. War dort oft und mag es mehr als die große Bühne im Schauspielhaus.
Das hört sich echt interessant an. Würd’ sowas auch gerne mal machen – naja in der 12. Klasse vielleicht.