Laufende Ermittlungen [1951 Policewoman – Vintage Vogue 9051 – MeMadeMittwoch #27]

Deutsch
Das heutige Kleid habe ich mir extra für diesen Tag aufgehoben, denn heute bin ich Gastgeberin beim MeMadeMittwoch! :)
Schon lange wollte ich mir ein Mantelkleid nähen. Bei einem Butterick/McCalls/Vogue-Sale bin ich über das Schnittmuster für Vogue 9051 gestoßen und war hingerissen.

English
Today I am the guest host over at the MeMadeMittwoch-Blog and wanted to present something special: I saved this lovely coat dress for this occasion – I wanted to make one for a long time and was instantly smitten with Vogue 9051.

Deutsch
Es handelt sich um eine Reproduktion eines Vintage-Modells von 1951.
Vintage-inspirierte Modelle sind momentan up and coming, mir hat aber vor allem die Linienführung gefallen. Ich lebe keinen Vintage-Lifestyle und habe nicht die Absicht, irgendetwas historisch korrekt umzusetzen, sei es beim Nähen oder beim Outfit. Die Lippenstift-Farbe ist untypisch für die Fünfziger? Well, genau wie das Smartphone in meiner Tasche oder der Fernauslöser in meiner Hand.
In Zusammenhang mit der Burda Vintage-Ausgabe bin ich auf mehrere Diskussionen unter Artikeln zu dem Heft gestoßen, in denen Anhänger_innen von „echten“ Vintage-Schnitten solche Reproduktionen abgelehnt haben. Das hat mich überrascht – meine Devise ist „nähen und nähen lassen“; möchte jemand Tatütatas, Kissenbezüge, Original-Vintage-Schnitte oder deren Reproduktionen nähen, sollte die Person das tun.
Sich über das eine oder andere verächtlich zu äußern führt meiner Meinung nach nur zu Lagerbildung und schlechtem Karma. Wenn eine Person stolz auf ihr/sein Werk ist finde ich das super! Wenn jemand eine 80er-Crimping-Frisur zu einem 30er Jahre-Outfit tragen möchte, sollte er oder sie das tun. Do what makes you feel good!

English
This pattern is a reproduction of a 1951 design. I personally don’t live a vintage lifestyle and it’s not my intention to be historically correct when sewing or styling clothing with a vintage aesthetic. I really liked the design, and I like to wear it with this lipstick, and if that’s not a shade you wore in the fifties, sod it.
While researching blog articles about the Burda Vintage issue, I came across a lot of comments from people who apparently rejected vintage reproductions. That was kind of alien to me – I go by „sew and let sew“ and think every person should sew what they like, be it pillow shams, quilts or clothes. It’s all good!


Deutsch
Da ich nun Stellung zum Thema Vintage-Authentizität bezogen habe mache ich weiter mit dem Kleid: genäht habe ich es aus dunkelblauem Wollstoff, der schön dicht ist und dadurch auch ganz gut warm hält. Statt Paspelknopflöchern habe ich Schneiderknopflöcher gestochen, die finde ich persönlich schöner. In der vorderen Teilungsnaht war noch eine Falte im Rockteil vorgesehen, die unterhalb der Taschen – oh, die Taschen! große Liebe! – aufspringt. Tatsächlich habe ich diese auf den Zeichnungen gar nicht bemerkt und erst auf dem Schnittbogen entdeckt. Das Kleid gefiel mir ohne Falten aber besser, darum habe ich sie auf dem Schnitt zu gelegt.

Deutsch
Ansonsten musste ich das Kleid obenrum etwas weiter nähen, darum passen Abnäher und Bundfalten am Rockteil nicht mehr aufeinander. Was soll’s, das Kleid finde ich auch so super schön. Ich mag den Uniform-Charakter, zu dem sicherlich auch die gebürsteten Metall-Knöpfe beitragen. (Eine Serie über eine Polizeibeamtin in den Fünfzigern, die zwar unwahrscheinlich und historisch unkorrekt ist, dafür aber jede Menge Witz und Feminismus mitbringt – wer wäre dabei?)

English
I chose a blue wool fabric for my dress. It feels lovely and warm, great for a cold winter! I hand-stitched the buttonholes instead of doing bound button holes as suggested in the pattern because I personally prefer former.
I also left out the pleat in the front skirt.
I had to let the seams out a little around the waist, so the darts and pleats don’t line up anymore, but I like the dress nonetheless. I really love the pockets and the uniform aesthetic that the metal buttons add. I feel like a character out of a quirky historically incorrect series about a 1951 police woman.


Deutsch
So schön ich den Schnitt auch finde, Anfängern würde ich abraten. Die Taschen zum Beispiel sind zwar kein Hexenwerk, haben es aber in sich und die Schritte sollten gut bedacht sein.
Gefüttert habe ich das Kleid mit meinem geliebten Venezia-Futter in lila. Geht das nur mir so, oder habt ihr auch das Gefühl, dass der Trend dazu geht, keinen Futterschnitt mit zu liefern? Bei einem Schnittmuster-Magazin kann ich das nachvollziehen, Preis-Leistungs-Verhältnis und so, aber bei einem Kaufschnitt, der auch noch hochpreisig ist, finde ich das sehr schludrig. (Ahem, ich habe den Schnitt im Sale gekauft, sonst wäre er mir zu teuer gewesen) Auch die Version „Schnittteile Oberstoff = Schnittteile Futterschnitt“ finde ich suboptimal, vor allem wenn es um Ärmel geht, da finde ich Rollweite sehr wichtig.

English
I think the design is really beautiful – but I wouldn’t recommend the pattern to beginners. The pockets for example are a bit tricky.
I lined the dress with a purple lining. I was kind of upset that there weren’t pattern pieces for the lining – is it me or is it a trend that many patterns come without pattern pieces for the lining? I don’t expect that from pattern magazines, but I think it’s lazy from pattern companies that offer high-priced (couture) patterns.



Deutsch
Auf dem Bild oben erkennt man das Futter und meine Knopflöcher. Der Gürtel ist selbst gemacht, die Schnalle war in meinem Knopf-Fundus, ich habe sie einfach mit dem Oberstoff bezogen. Von hinten sehen meine Handstiche natürlich aus wie Kraut und Rüben, aber das sieht ja keiner.

English
In the picture you can see the purple lining and the buttonholes. I made the belt myself, using a buckle I had in my stash.


Kleid: selbstgenäht
Hut & Handschuhe: Maya (Hutschmuck selbst gemacht)
Tasche: Erbstück von Oma
Brosche: Flohmarkt
Schuhe: Kauf Dich Glücklich

tl;dr (too long didn’t read)
Schnittmuster: Vogue 9051 (Vintage)
Stoff: blauer Wollstoff, lila Venezia-Futter
Zutaten: Metall-Knöpfe, Plastik-Gürtelschnalle vom Flohmarkt
Nachnähfaktor: An sich finde ich das Kleid super schön, aber es ist auch das aufwändigste Stück, das ich seit langem genäht habe. Daher werden eventuelle Zweitausgaben auf der Näh-Agenda ganz weit nach hinten geschoben, dann ist Sommer und das Kleid unpassend, im nächsten Herbst eventuell wieder. Eventuell. So little time, so many patterns.
Das Schnittmuster macht sich auch als Mantel bestimmt super, aber davon habe ich genug im Schrank.


I have a few vintage (reproduction) patterns that I finally want to work with. So the Vintage Sewing Pattern Pledge came just at the right time!

35 Kommentare zu “Laufende Ermittlungen [1951 Policewoman – Vintage Vogue 9051 – MeMadeMittwoch #27]

  1. Traumhaft! Ich bin hin und weg! Ein wunderschöner Schnitt den du grandios umgesetzt hast (nicht, dass es bei dir jemals anders wäre *g*). Ich mag den Uniformcharakter auch sehr gerne und solltest du jetzt zukünftig die 50er Jahre damit unsicher machen freue ich mich darauf ;) Und was Authentizität und sowas angeht sehe ich das genauso: nähen und nähen lassen!

    Liebe Grüße, Jessica

  2. Woah, ist das Kleid toll geworden! wobei es so mit Handschuhen und Hut kombiniert eher nach Mantel als nach Kleid aussieht (was aber der Tollheit in keinster Weise Abbruch tut!)
    Und Knopflöcher von Hand stechen, ich sitze hier ganz erführchtig vor deiner Geduld!

    Und Authentizität, pft, du hast da schon ganz recht, das Smartphone in der Tasche ist ja auch nicht authentisch! Ich bin ja bekennende Eklektizistin, jawoll! (Und pssst: ich hab auch schon Tatütatas genäht und verschenkt, wobei sich mir noch immer nicht der Sinn hinter diesen Dingern erschließt. Aber ich kann mit Dekokram im allgemeinen wenig anfangen)

    1. Dankeschön! Naja, mit etwas Übung geht das relativ fix. Da ich die nicht regelmäßig mache brauche ich schon noch 12 Minuten. Meine Freundin, die als Herrenschneiderin jeden Tag damit zu tun hat, braucht pro Knopfloch nur acht Minuten!

  3. Ganz dickes Kompliment für die Knopflöcher!
    Man muss Modelle vergangener Jahre wirklich nicht 1:1 kopieren, aber solch hübsche Details sind schon klasse.
    Ich wünsche dir viele Gelegenheiten, dieses schöne Mantelkleid zu tragen!

  4. Dein Mantelkleid ist wunder, wunderschön!
    Mir gefällt das richtig gut. Wobei ich ja sagen muss, dass es für mich mehr nach einem Mantel als nach einem Kleid aussieht, aber das ist ja eigentlich auch egal ;-)
    Auch dein ganzes Styling mit Hut, Handschuhen und rotem Lippenstift sieht super aus! Toller Post!
    Viele Grüße, Goldengelchen

  5. Ganz entzückend, vor allem mit dem Hütchen! Ich finde den Kragen von dem Kleid superschön, aber wenn ich das Wort schwierig höre, dann verliebe ich mich lieber nicht in den Schnitt, ich hab grad genug mit einem Samtkleid zu tun (und zu fluchen :) )Liebe Grüße, Zuzsa

  6. Liebe Jenny,
    Dein Kleid ist wunderbar geworden und in der Kombination mit dem Hütchen sieht es ganz entzückend aus! Ich finde auch, dass es nicht bedeutet in einer „Zeitschleife“ verharren zu müssen, wenn man gern einmal nach Retroschnitten näht. Das wäre doch langweilig und würde jegliche Weiterentwicklung verhindern. Es gibt doch tatsächlich Menschen, die sich z.B. Originalunterbutzen aus den 30ern kaufen um sie zu tragen. Wenn ich an den Tragekomfort denke, kann ich auch nur sagen, nein danke.
    Leider hast Du im letzten Satz mein persönliches Nähtriggerwort „Mantel“ erwähnt. Dadurch angefixt haben meine Finger spontan auf der Tastatur herumgezuckt und das Schnittmuster ist bereits bestellt…
    Vielen Dank also für die Anregung und Deine (wie immer) tollen Fotos.
    Liebe Grüße
    Antje

    1. Ich habe nichts gegen Vintage-Klamotten, klar, die Schnitte und die Verarbeitung waren damals anders, aber das macht ja auch den Reiz aus.
      Aber mich komplett Vintage einzukleiden wäre mir zu eintönig.

      Oh, toll! Ich bin gespannt. Sag Bescheid, wenn du fertig bist. :)

  7. Erstmal ist das ein wunderschönes Kleid geworden wo alles perfekt passt.
    Was will Frau mehr?
    Ich nähe gerne die Retro Schnittmuster, denn mir gefallen meist die Originalen nicht.
    Es mus gefallen, mehr nicht.
    Im allgemeinen ist der Ton mittlerweile mehr als daneben in manchen Foren etc.
    Das ist auch der Grund warum ich mich persönlich aus vielen Nähtreffs abgemeldet habe.
    Irgendwann war das kein Geplaudere mehr über den oder den Schnitt, sondern irgendwann waren es Belehrungen wie Mutti es schlimmer nicht gekonnt hätte.
    Stutenbissigkeit;-)
    Jedenfalls muss man sich vor keinem rechtfertigen, das man dies oder jenes näht. Warum wagt sich eigentlich niemand so etwas im realen Leben zu sagen?

    1. Ja, echt schade, wenn solche Meinungsverschiedenheiten unüberbrückbar werden. Das kann sehr zu Lasten des Spaßes gehen. Ich verstehe gut, dass dir die Lust auf die Treffen vergangen ist.
      Aber „Stutenbissigkeit“ ist auch so ein Wort, das ich nicht gerne höre. Immerhin sagt auch keiner „Hengstbissigkeit“ (btw sind Männer meiner Meinung nach die größeren Drama People – da braucht man nur mal ein Geschichtsbuch aufschlagen…)

      Ich hab’s doch gesagt. :) Nur weil das hier das Internet ist haben wir es doch trotzdem mit realen Leuten und Situationen zu tun.

      Vielen Dank für deinen Kommentar und die Bestätigung, dass es beim Thema „Vintage“ leider Konfliktstoff zu geben scheint.

      1. Hey Hengstbissigkeit wäre auch was:-)
        Leider passt es zu mancher Situation, wo ich mir teilweise an den Kopf gefasst habe.

        Ich finde jedenfalls, das deine Sachen absolut bezauernd sind und bin froh, das es noch Frauen mit eigenen Kopf gibt:-)
        Gerade solche Blogs inspirieren mich immer wieder was Neues auszuprobieren.

  8. Ganz großes Kino! Der Schnitt hat wirklich unheimlich viele Details, die mir sehr gut gefallen. Der Stehkragen, die Taschen, die schräg angesetzten Ärmel – da stimmt echt alles. Etwas sehr Außergewöhnliches und Besonderes :)
    Danke für Deine Worte in Hinblick Authenzität/Vintage etc. Genau diese Lagerbildung finde ich auch absolut überflüssig und anstrengend, und kann irgendwie nicht ganz nachvollziehen, wieso sich einige Leute gegenseitig nicht die Butter auf’m Brot gönnen. Dabei haben ja gerade Stilbrüche und Crossover unheimlich viel bewegt, in jeder erdenklichen Kunstform, nicht nur der Mode. Ich finde es wichtig, dass Kreativität frei fließen kann, unbeeindruckt von Regeln oder der Einschätzung wie authentisch oder ‚true‘ etwas/jemand zu sein hat.

    Ich finde sehr schön, dass Du oft über den Tellerrand blickst, Dir aus den unterschiedlichsten Bereichen immer wieder die Sachen herauspickst, die Dir gefallen und sie so kombinierst, dass es unverkennbar Jenny ist. Das strahlt sehr viel Selbstbewusstsein aus, ohne dass es (stilistische) Scheuklappen gibt. Das mag ich wirklich sehr an Deinem Blog.

  9. Ooooh, wie schön! Du erinnerst mich an eine meiner Lieblingsbuchfiguren. Phryne Fisher. Die ist Privatdetektivin im Melbourne der 20er Jahre. Und immer top angezogen.

  10. Liebe Jenny,
    das blaue Mantel-/ Kleid gefällt mir sehr. Die Gradlinigkeit spricht mich an. Denkst Du, man könnte es auch aus aufgetrennten Jeanshosen nähen? (Stoffdicke, Charakter des Kleides bzw. Mantels/ Fall der Raglanärmel?) Über eine Antwort würde ich mich freuen.
    Grüße von
    Manuela Helm

    1. Hallo Manuela,

      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Ich denke Jeans wäre okay, wenn es sich um anschmiegsamen mit Elasthan-Anteil handelt. Generell wäre es kein Problem, den Mantel aus einem Jeansstoff zu nähen.
      Mögliche Probleme sehe ich eher bei der Steifheit, die durch die vielen Teilungsnähte entstehen wird. Beim Mantel an sich würde das noch gehen, aber wenn die Ärmel-/Schulterpartie zu steif wird sieht es komisch aus.
      Der Mantel braucht schon viel Stoff, da müssen einige Hosen aneinander genäht werden.
      Mein Wollstoff hatte eine ähnliche Dicke, ist aber natürlich anschmiegsamer und fällt schöner.

      Durch die vielen Teilungsnähte, unterschiedliche Beschaffenheiten und Waschungen der Stoffe gehen dann, glaube ich, auch die Details des Schnittes verloren. Mir persönlich würde der Mantel dann zu aufgeregt und sportlich wirken.
      Ich würde dir eher davon abraten – aber ich bin auch kein Fan dieses Jeanslooks, vielleicht bin ich deswegen etwas negativer eingestellt. :) Im Zweifelsfall einfach ausprobieren, richtig und falsch gibt es sowieso nicht.

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