Wahrscheinlich werden viele von euch das kennen. Diese rebellische Phase in der Pubertät, in der man gegen fast alles und jeden ist, sich die Haare raufen könnte weil einen alles nur noch ankotzt und man keine Ahnung hat, was genau man machen könnte, um etwas zu verändern. Weil man genau das möchte: etwas verändern.
Irgendwann lassen die meisten diese Phase vermutlich hinter sich, finden ihren Platz in der Gesellschaft, ärgern sich zwar immer noch manchmal darüber, dass alles etwas anders, etwas besser laufen könnte, haben aber nicht wirklich einen social cause, für den sie sich einsetzen würden.
Ich persönlich muss zugeben, dass es nie mein größter Wunsch oder mein Lebensziel war, etwas zu verändern, was ich auch nicht verwerflich finde. Ich war von der Vielfältigkeit der Probleme überwältigt, hatte keine Ahnung, wo genau ich ansetzen, und vor allem was ich machen sollte.
Mir war klar, dass ich nicht die Welt vor dem Untergang retten, AIDS heilen oder einen Krieg beenden kann. Schon gar nicht im Alleingang, und schon gar nicht, wenn diese Probleme so weit weg erscheinen und man selbst das Gefühl hat, keinen wirklichen Einfluss darauf zu haben.
Im Endeffekt war es meine eigene Unwissenheit, die mir im Weg stand. Wir wachsen in einer Gesellschaft auf, von der wir annehmen, dass alle Ungleichheiten geebnet, alle Ungerechtigkeit beseitigt, alle Probleme bereits gelöst worden seien.
Dabei sind wir selbst mitverantworlich, dass die Situation sich nicht wieder ins Gegenteil umkehrt, weil wir denken, wir müssen nichts mehr gegen irgendwas unternehmen.
Ich erinnere mich an ein Erlebnis im Sommer 2009, das mich damals sehr verwirrt hat und mich immer noch sehr verärgert, vor allem auch, weil ich heute ganz anders reagieren würde – aber erst die Geschichte.
Wir sind mit einer (für unsere Verhältnisse) recht großen Gruppe im Irish Pub gewesen, es war schon weit nach Mitternacht und außer mir war glaube ich keiner mehr nüchtern.
Ich hatte, vermute ich, gerade angefangen Fahrstunden zu nehmen, denn das Gespräch mit einem guten Freund drehte sich um das Thema Auto fahren. Ich trinke keinen Alkohol, darum bietet es sich an, dass ich einen Teil der Gruppe ab und an nach Hause fahren könnte. Er war in seinem alkoholisierten Zustand sehr angetan von der Idee, grinste über beide Ohren und konnte es scheinbar gar nicht glauben, nicht mehr auf den Nachtbus angewiesen zu sein, wenn wir zusammen weggehen würden.
Ich hatte mich zusätzlich zu dem Auto- auch für den Motorradführerschein angemeldet und schlug spaßeshalber vor, ihn in der Zukunft auch mal mit dem Motorrad durch die Gegend fahren zu können.
Er wurde schlagartig ernst und beteuerte mir mehrmals, dass das absolut nicht ginge. Ich dachte, er wolle einfach nicht im angetrunkenen Zustand auf einem Motorrad sitzen, was ja mehr als nachvollziehbar ist, aber scheinbar meinte er, dass das auch im nüchternen Zustand nicht machbar sei. Verwirrt fragte ich nach dem Grund.
Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber die Begründung seinerseits lautete unmissverständlich: Es sei unter seiner Würde als Mann bei einer Frau auf dem Motorrad mitzufahren.
Ich dachte an dem Abend, er hätte einen Witz gemacht, es nicht so gemeint, hey, wir waren beste Freunde und er ziemlich betrunken, sowas kann man beim besten Willen doch nicht sagen, schon gar nicht zu guten Freunden und gleich dreimal nicht ernst meinen.
Heute weiß ich: doch, man kann. Und aus meinem heutigen Sichtpunkt finde ich es beschissen, dass ich so ein bescheuertes Geschwätz toleriert habe. Weil sich keiner so etwas sagen lassen muss, egal ob von besten Freunden, Fremden an der Haltestelle, von Frauen oder von Männern – nur, weil die Person es als Witz formuliert (“Hey reg dich ab, ist doch nur Spaß!”), weil sie uns nahe steht oder, unabhängig von meinem Beispiel, das gleiche Geschlecht hat wie wir, heißt das nicht, dass ihre Handlungen oder Worte nicht sexistisch sind.
Sexismus begegnet uns heute überall, so dass es für uns schon normal ist, so bescheuerte Sprüche zu tolerieren, sich nichts dabei zu denken, weil wir beigebracht bekommen haben, dass wir heutzutage alle gleichberechtigt sind.
Beim Lesen meines Beispiels ist der sexistische Teil, gegen den ich heute sofort protestieren würde, für die meisten wahrscheinlich offensichtlich. Aber wenn man selbst in der Situation ist fehlt einem oft das Reflexionsvermögen, um die Person zu kritisieren.
Ich bin immer noch extrem unzufrieden. Weil mir jetzt klar ist, dass wir oft in einer Scheinwelt leben und oft die falschen Dinge tolerieren, dass es in der Gesellschaft, im alltäglichen Leben Missstände gibt, über die wir in der Schule nur oberflächlich bis gar nicht reden. Weil ich manchmal verzweifle, da viele offensichtliche Probleme überhaupt nicht gesehen werden, und man bei dem Versuch der Aufklärung oft mit Unverständnis und Engstirnigkeit konfrontiert wird.
Und ich bin verdammt glücklich, weil ich endlich einen, meinen social cause gefunden habe, der (leider) so alltäglich ist, dass ich auch alltäglich etwas dagegen unternehmen kann. Weil ich nicht mehr das Gefühl habe, dass da etwas außerhalb meiner Reichweite stattfindet, das ich nicht beeinflussen kann.
Weil es nicht meine Schuld ist, dass die Welt ist wie sie ist – ich aber endlich etwas unternehme, damit sie nicht so bleibt.
Hallo, Blogwelt, ich weiß, es ist eine Weile her. Ich habe das Gefühl, wir haben momentan eine kleine Krise.
Wochenlang liegt dieser Artikel schon halbfertig in meinem WordPress-Adminpanel, ich habe geschrieben, war frustriert, gelangweilt, habe mit mir gehadert.
Klar gibt es die ein oder andere Geschichte meinerseits von Batmancomics, Pubbesuchen und Motorradführerscheinen, aber ehrlich gesagt – wen interessiert das? Gibt es im Internet nicht schon genug Banalitäten? Die Menschen, die ich an meinem Leben teilhaben lassen möchte, erfahren diese Dinge, sind im besten Fall selbst dabei, und die breite Masse des Internets muss es von mir aus gar nicht wissen. Das hat nichts mit Geheimniskrämerei oder paranoidem Schutz meiner Privatsphäre zu tun. Ich denke einfach, dass man nicht jeden Scheiß der Öffentlichkeit preisgeben muss. Mich persönlich reizt das Ausbreiten meines eher ereignislosen Lebens vor Fremden nicht mehr.
Das heißt nicht, dass ich es komplett unterlassen werde, Persönliches zu berichten, ich will nur unterscheiden zwischen erwähnenswerten Dingen und solchen, die mich selbst beim Schreiben langweilen. Unser Theaterstück damals, das finde ich zum Beispiel erwähnenswert. Dass ich mir letzte Woche am Bahnhof Zuffenhausen ein Zweizonenticket gekauft habe nicht.
Ich bin es leid, Füllereinträge zu schreiben, die sich mit einem Satz zusammenfassen lassen, mir einen abzuwürgen, um mit so vielen Worten so wenig auszudrücken. Mittlerweile ist es mir einfach wichtiger, etwas auszusagen als gehaltlose Einträge ins Internet zu stellen; die finde ich gefühlt auf jedem zweiten Blog.
Vielleicht lässt das vermuten, dass ich nicht gerne Persönliches und Alltägliches lese. Das stimmt nicht.
Ich bin nur verdammt gelangweilt von Texten ohne Inhalt, Präsentieren von Geschenken von Firmen a.k.a. Werbung und meiner Meinung nach lieblosen Einträgen: Bild, eine Zeile Text. Friss oder stirb.
Mich interessiert nicht, was die Menschen kaufen und konsumieren, was sie anhatten und wie sie geschminkt sind, sondern was sie bewegt, für was sie kämpfen würden, auch wenn ich bei vielen leider den Eindruck habe, dass diese Dinge für sie ein und dasselbe sind.
Von mir aus kann sich jeder so viele Lippenstifte und Cardigans kaufen wie er möchte, nur gibt es doch noch ein Leben jenseits der H&M-Filiale, oder? Ich möchte ja gar nicht, dass sich jeder Blog mit hochpolitischen Themen befasst, aber man kann sich doch auch mit alltäglichen Dingen differenziert auseinandersetzen – es gibt noch andere Probleme als absplitternder Nagellack, schlecht beleuchtete Umkleidekabinen und anstrengende Mittagsschule. Gerade zu Modethemen gibt es so viel mehr zu sagen als dass man das gute Stück bei Zara für zwei neunundneunzig gekauft hat.
Und auch wenn Bilder manchmal sicher mehr sagen als Worte, so groß ist für mein Empfinden der ästhetische Wert bei vielen bildlastigen Blogs nicht, dass ich deswegen wiederkommen würde.
Ich möchte niemandem sein Hobby oder seine Art zu bloggen schlecht reden. Natürlich gibt es Menschen, die das anders sehen als ich, und das ist auch gut so. Nur habe ich persönlich gemerkt, dass ich, wenn ich einen Blog besuche, auch etwas lesen möchte, das aus mehr als oberflächlichen Aussagen besteht. Alles andere lese ich mittlerweile nur noch halbherzig durch, überfliege es, was mir für den Autoren zwar leid tut, wenn er sich Mühe gegeben hat und die Person an sich sicher auch nett und sympathisch ist, aber mir sind andere Dinge wichtiger geworden, Dinge, die wirklich von gesellschaftlichem Belang sind. Probleme, die jeden etwas angehen, die alltäglich sind, so alltäglich, dass viele Menschen sie gar nicht mehr wahrnehmen. Und es macht mir wirklich Spaß, mich damit zu beschäftigen, sensibler zu werden für gesellschaftliche Problemzonen und darüber zu sprechen. Anderen macht es Spaß, ihr Outfit zu zeigen oder über ihren Schulalltag zu schreiben. Diversität ist toll – aber es kann nicht schaden, über den eigenen Tellerrand hinaus zu gucken.
Und nach einer Weile tut einem der Hals auch nicht mehr weh und man genießt die Aussicht.
Eines Abends hat Miss Harrcore mich mit ihrem Tweet zum Nachdenken gebracht und mir einen neuen Anstoß gegeben, mir den Artikelentwurf, der in meinem WordPressadminbereich auf Bearbeitung wartet, nochmal durchzusehen.
Meiner Ansicht nach sollte jeder tun und lassen dürfen, was ihm gefällt, mit der Voraussetzung, dass niemand bei der Tätigkeit zu Schaden kommt. Dabei ist es völlig egal, ob ich dieses oder jenes nicht gut finde, zum Beispiel interessieren mich Autos nicht die Bohne, kann mich aber nicht darüber beschweren, wenn ein Freund Geld dafür hinblättert, das er in meinen Augen besser hätte investieren können. Oder wenn Leute über Schminke bloggen und sich in ihren Outfits präsentieren. Ist ja alles legitim.
Ich kann keinem vorschreiben, wie er seinen Blog, seine Meinung zu gestalten hat, aber man kann doch darüber reden, oder? Was ist aus der Kunst der Diskussion geworden? Natürlich muss ich einen Blog, dessen Themen mir nicht gefallen, nicht lesen, um mal das Standardargument vorweg zu nehmen, aber das schließt ja nicht aus, dass man Kritik anbringen darf, diskutiert, am Ende auseinander geht und jeder hat im Idealfall was dazugelernt.
Dass ich einen Informationsfluss selektieren kann macht die Tatsache, dass die von mir ausgeblendeten Themen immer noch da sind, ja nicht besser. Im Gegenteil.
Da wäre zum Beispiel das Sponsoring. Ein Phänomen, das mir vor allem, aber nicht nur, von Schminkblogs bekannt ist.
Der Blogger erhält bestimmte Produkte kostenlos, im Gegenzug wird erwartet, dass er diese in einem Blogpost und somit für die Öffentlichkeit zugänglich bewertet werden.
Das Problematische an dieser Sache ist, meiner Meinung nach, dass viele Menschen die manipulative Wirkung der Medien verdrängen. Wenn ich diese sogenannten Reviews der Produkte lese frage ich mich häufig, ob wir nicht verlernt haben, uns kritisch mit Dingen auseinander zu setzen. Damit meine ich nicht nur den Inhalt der Reviews an sich, der oft einfach aus lobenden Zeilen besteht, sondern auch wie andere Menschen auf solche Testberichte reagieren.
Viel zu oft wird einfach hingenommen, was da steht, in der Annahme, eine (scheinbar) unabhängige Person, die uns zum Kauf eines Produkts rät, sei viel glaubwürdiger als ein Promi, der uns dasselbe in einem Fernsehspot erzählt. Oder die Firmen seien kooperativ und cool drauf, weil sie Gratiszeug verschicken. Mag ja sein, aber mich beunruhigt das eher: Firmen, Verlage, je nachdem, dringen in den semiprivaten Bereich eines Internetnutzers ein, der sich bereitwillig als Werbetafel benutzen lässt. Wie Miss Harrcore bereits mit anderen Worten sagte: nur, weil eine Review negativ ausfällt, der Blogbetreiber sich bemüht, kritisch zu urteilen, heißt das nicht, dass es keine Werbung ist.
Wir leben in einer Zeit, in der wir unsere Idealbilder den Medien übernehmen, auch dem Internet. Wir wachsen damit auf, dass uns überall Werbung umgibt, und anscheinend ist die nächste Stufe, dass wir in Zukunft nicht einmal mehr selbst unterscheiden können, was Werbung ist und was nicht, was echt ist und wer nur dem Sponsor schmeichelt, was Marketingstrategie und was Ehrlichkeit ist, wo die Grenzen zwischen Marketing und realem Leben sind. Wir sind käuflich geworden und merken es nicht mal, weil wir denken, unabhängig zu entscheiden, aber wer kann das schon? Besonders jüngere Internetnutzer sind hier doch leichte Beute für die Firmen, da sie viel eher zu den älteren Bloggern aufsehen wie zu einem älteren Geschwisterkind, das seine guten Ratschläge zu Produkten selbstlos ins Netz stellt.
Wenn mir auf der Straße jemand sagen würde, ich solle dies und das aus jenem Grund kaufen, würde ich eine Augenbraue hochziehen und denken, dass mich jemand ködern will. Wieso vertrauen wir also Fremden im Internet, die von Firmen gesponsert werden?
Leute, die sich mit Schminke beschäftigen, werden als “Gurus” betitelt und jeder, der sich in seinen online bestellten Klamotten präsentiert, kann heute das Ansehen eines Modespezialisten genießen, dabei beschäftigen sich doch die wenigsten wirklich mit Mode als viel mehr dem eigenen Konsum, vergessen die Vorbildfunktion, die jeder haben sollte – und lehren (um auf den anfangs erwähnten Tweet zurück zu kommen) der nächsten Generation, dass es okay ist bei Billigdiscountern, deren Produkte übel mit Chemikalien belastet und deren Firmenhintergründe zweifelhaft sind (1, 2, 3) einzukaufen, hey, immerhin hat man ein schickes Teil für wenig Geld mehr im Kleiderschrank, aber die für Fotos unvorteilhaften Umkleiden, die sollten sie wirklich mal ändern.
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