Mittwoch
23. Februar
2011

Denken in Schubladen

Hach, Stöckchen. Menschen, die nicht bloggen oder das Wort noch nie gehört haben, müssen sich unter dem (wie ich finde) etwas ominösen Begriff eine Art Frage-Antwort-Spiel vorstellen, das ein Blogger an den anderen weitergibt. Waldbrandartig geistern die Stöckchen durch die Bloggerszene, bis sich ihre Spuren irgendwann im Sand verlaufen und man eine Weile Ruhe hat. Meinen Erfahrungen nach werden die meisten aber irgendwann wieder ausgegraben und auf eine erneute Reise durch das wunderbare Land von WordPress, Blogspot und Co. geschickt.
Mich selbst interessieren Stöckchen nicht besonders, auch wenn sie manchmal sicher eine gute Initiative zum Bloggen sein mögen. Ich schreibe lieber selbst etwas, da ich es etwas unoriginell finde, meinen Lesern und Leserinnen ein ausgelutschtes und schon dreimal wieder aufbereitetes Stöckchen zu servieren. (Was natürlich wie immer nicht heißt, dass ich dies irgendjemand verbieten oder schlecht reden möchte. Euer Blog, eure Regeln.)
Auf Celinas Blog stieß ich neulich auf ein altbekanntes Stöckchen, das wahrscheinlich schon zu meiner MyBlog-Zeit die Runde machte.
Besagtes Stöckchen soll wohl durch ein Ankreuzverfahren ermitteln, wie sehr “Junge” oder “Mädchen” man ist:

Die Jungsseite:

[ ] Du liebst Hoodies
[ ] Du liebst Jeans
[ ] Hunde sind besser als Katzen
[ ] Es ist lustig, wenn Leute hinfallen und sich wehtun
[ ] Du spielst gegen/mit Jungen in einem Team
[ ] Shopping ist grauenvoll
[ ] Traurige Filme sind scheiße
[ ] Du besitzt eine Konsole
[ ] Du hast als kleines Kind mit Hot Wheels gespielt
[ ] Als Kind wolltest du ein Feuerwehrmann sein
[ ] Du besitzt einen Handheld
[ ] Du bist/warst verrückt nach Power Rangers
[ ] Du schaust Sport im Fernsehen
[ ] Blutrünstige Filme sind cool
[ ] Du fragst deinen Vater nach Rat
[ ] Du hast eine Auszeichnung im Sport
[ ] Du hast Yu-Gi-Oh gespielt
[ ] Baggypants sind gemütlich zum tragen
[ ] Pyjamapartys sind merkwürdig
[ ] Grün, Schwarz, Rot, Silbern, Blau sind einige deiner Lieblingsfarben
[ ] Du liebst es, verrückt zu sein und dir ist es egal, was Leute darüber denken
[ ] Sport macht Spass
[ ] Du redest manchmal mit vollem Mund
[ ] Du schläfst mit Socken
[ ] Du hast schon einmal gefischt

Die Mädelsseite:

[ ] Du magst Shopping
[ ] Du trägst Eyeliner
[ ] Du trägst pink
[ ] Du bittest deine Mum um Rat
[ ] Du bevorzugst Cheerleading im Sportunterricht
[ ] Du hasst es, nur schwarz zu tragen
[ ] Du gehst gerne in Einkaufszentren
[ ] Du magst Maniküren/Pediküren
[ ] Du magst Schmuck zu tragen
[ ] Du hast geheult, als du “The Notebook” geschaut hast
[ ] Du hast viele Röcke
[ ] Shopping ist eins deiner liebsten Hobbys
[ ] Du hasst Star Wars
[ ] Du machst Gymnastik
[ ] Es braucht eine Stunde um zu duschen oder anzuziehen
[ ] Du lächelst öfter als du solltest
[ ] Du hast mehr als 10 Paar Schuhe
[ ] Die meiste Zeit denkst du über dein Aussehen nach
[ ] Du trägst gerne Kleider
[ ] Du benutzt gerne Parfüm oder Deo
[ ] Du magst High Heels
[ ] Als Kind hast du mit Puppen gespielt.
[ ] Du findest Liebesbriefe romantisch.
[ ] Du gehst oft zu zweit auf die Toilette.
[ ] Du liebst es dich zu schminken.

Ich frage mich, ganz im Ernst, wer sich diesen Bullshit ausgedacht hat beziehungsweise dieses Stöckchen wieder und wieder an die Oberfläche sämtlicher Blogcommunities und unabhängiger Blogs zerrt.
Selbst wenn ich meine Meinung, dass das Denken von Geschlechtern als binär rückschrittlich ist, aus dem Spiel lasse, ist es für mich offensichtlich, dass zum einen für Geschlechter vollkommen unspezifische Kriterien zur Polarisation benutzt werden (“Du liebst Jeans” – was, zur Hölle, hat das mit Mann-Sein zu tun? Dieser Punkt könnte genauso gut bei der weiblichen Seite stehen!) und zum anderen natürlich wieder auf die alten Vorurteile und Stereotypen zurückgegriffen wird. Einfallsreichtum und Tiefgang kann man von diesem Stöckchen wahrlich nicht erwarten, wenn man wie ich davon ausgeht, dass seine Aufgabe nicht ist, Geschlechterrollen und -klischees vorzuführen.
Also, lasst uns mal sehen – laut den Auswahlmöglichkeiten oben sind Männer und Jungen sportlich, technikversiert, haben eine große Abneigung gegen alles, was sie im Entferntesten als weiblich dastehen lassen könnte und scheren sich nicht darum, was andere von ihnen denken. Frauen und Mädchen hingegen sind auf ihr Aussehen fixiert, frönen dem Konsum (wow, gleich zweimal ein fast identischer Punkt zu Shopping, was die Aussage angeht), sind gefühlsduselig und machen wenn dann Gymnastik und Cheerleading als Sport.
Wieso sind solche starren Stereotype immer noch Gang und Gäbe? Ich kann mir vorstellen, dass nach diesen Kriterien sehr viele sich als Frau bezeichnenden Personen als “männlich” abschneiden. Ist das nicht der Beweis, dass es obsolet ist, “Mann” und “Frau” eigene Attribute zuschreiben zu wollen, weil jedes Individuum unterschiedliche Eigenschaften von beiden Seiten der von der Gesellschaft festgelegten Spektren hat? Niemand passt hundertprozentig in die Schablone, die wir ihm oder ihr aufdrücken wollen. Warum sprechen wir von “Frauenthemen”, sobald etwas mit Aussehen, Pflege und Einkaufen zu tun hat? Ich saß neben drei Freunden, die sich todernst und mit einer Selbstverständlichkeit über Fingernägel unterhalten haben. Dass die drei Gitarristen sind, erklärt vermutlich einiges, zeigt aber auch, dass “Frauenthemen” eben nicht nur Themen für Frauen sind. Wieso sollten sie auch einem Geschlecht vorbehalten sein? Wieso belächeln wir Männer, die auf ihr Aussehen achten, als “Mädchen” oder “Tussi”, als sei es beleidigend, amüsant oder herabsetzend, sich nicht an die als männlich festgelegten Verhaltensmuster zu halten? (Selbst oft genug miterlebt bei Schulkameraden, die gefühlt jede zweite Stunde im Spiegel die Frisur überprüft oder im Sportunterricht lieber am Spielfeldrand gestanden und gelästert haben.)

Interessant finde ich auch Geschlechterklischees im Zusammenhang mit Sprachgebrauch.
Ziert sich jemand, ist er oder sie eine “Pussy” (was sich wahrscheinlich nicht auf Katzen bezieht…) und kriegt zu hören, er oder sie stelle sich “mädchenhaft an”. Als Gegenpart fällt mir da “Eier haben” und “seinen Mann stehen” als Umschreibung für jemanden ein, der Rückgrat beweist.
Bei dem Stöckchen macht die “Mädchenseite” auf mich auch eher einen kindischen “Gnihihihi, Frauen interessieren sich nur für ihr Aussehen und sind ja solche Shopping Victims”-Eindruck, die “Jungsseite” ist dagegen recht Sport-/Wettbewerb-/Erfolg-orientiert. Das ist aber nur mein persönlicher Eindruck.

Oh, ich glaube den Knackpunkt der Sache habe ich ganz vergessen, sagt es nicht, es bricht mir sonst mein kleines Herz: es ist ja alles nur Spaß. Also hören wir bitte auf, Dinge zu hinterfragen, denn natürlich steckt kein Körnchen Wahrheit dahinter. Lachen wir darüber, und irgendwann nehmen wir vielleicht gar nichts mehr ernst und müssen uns keine Sorgen machen, dass der Witz vielleicht auf unsere eigenen Kosten geht.

Donnerstag
13. Januar
2011

Weil Sprache für mich politisches Mittel ist, bin ich gerne mal übergenau.

Auf Arbeit habe ich manchmal ein Problem. Kein gravierendes, aber dennoch bringt es mich immer wieder zum Grübeln und hat mich auch schon einmal im Satz stocken lassen.
Meine Chefin hat mich gefragt, ob ich etwas über die Zugänge – neu ankommende Patienten und Patientinnen – wüsste. Für die Station zuständig war ein männlicher Angestellter, dessen Auskunft ich weitergeben wollte: “Ja, die kommen alle auf die E4, hat…” Ja, hat wer gesagt? Die “männliche Schwester”? Der Pfleger? Ich nannte also die letzte Variante, fühlte mich dabei aber komisch.

Ich finde die Berufsbezeichnung “(Kranken-)Schwester” an sich bescheuert und veraltet. Letzteres, weil sie bereits durch eine andere Bezeichnung abgelöst wurde, die benutzerfreundlicher und, finde ich, auch fairer den Ausübenden des Berufes gegenüber ist. Bei “Gesundheits- und KrankenpflegerIn” muss man keine umständliche Wortakrobatik vollführen, um Männer nicht sprachlich von dem Beruf auszuschließen. Und die weibliche Form lässt sich ebenfalls leicht bilden, keine der Parteien sollte also benachteiligt sein.
Ich habe für mich ausgemacht, ab jetzt “Pflegerin” statt “Schwester” zu sagen. Immerhin sollen die weiblichen Beschäftigten mit den männlichen auf einer Stufe stehen.

Außerdem habe ich mir lange überlegt, den gender_gap hier auf dem Blog zu benutzen und möchte jetzt, im neuen Jahr, damit anfangen.
Der gender_gap ist eine Weiterentwicklung des Binnen-I, das eingeführt wurde, um nicht nur die männlichen, sondern auch die weiblichen Gruppenangehörigen sichtbar zu machen. PflegerInnen, hieße das dann am konkreten Beispiel.
Der gender_gap hat die Aufgabe, nicht nur die weibliche und die männliche, sondern auch jede andere Geschlechtsidentität sowie die sozialen Geschlechter in der geschriebenen Sprache sichtbar zu machen. Immerhin gibt es Menschen, die sich weder dem einen, noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen.
Ich persönlich finde den gap nicht sehr schön anzusehen und sehr gewöhnungsbedürftig. Zum ersten Mal habe ich ihn wahrscheinlich im Blog der Mädchenmannschaft entdeckt. Aber, liebe Leser_innen, der Gedanke dahinter hat mich überzeugt. Und schließlich sind wir ja alle Gewöhnungstiere.