Dienstag
08. März
2011

100 Jahre Frauentag


 
Danke an alle, die dafür gekämpft haben, dass ich eine Bildung genießen kann. Das Wahlrecht. Die Freiheit, zwischen Klamotten aus der Herrenabteilung und Frauenkleidung wählen zu können, und all die Dinge, die ich hier aus Zeitgründen nicht aufführen möchte.

Danke. Und Cheers.

Geschichtlicher Überblick und Linksammlung auf der Mädchenmannschaft.

Mittwoch
23. Februar
2011

Denken in Schubladen

Hach, Stöckchen. Menschen, die nicht bloggen oder das Wort noch nie gehört haben, müssen sich unter dem (wie ich finde) etwas ominösen Begriff eine Art Frage-Antwort-Spiel vorstellen, das ein Blogger an den anderen weitergibt. Waldbrandartig geistern die Stöckchen durch die Bloggerszene, bis sich ihre Spuren irgendwann im Sand verlaufen und man eine Weile Ruhe hat. Meinen Erfahrungen nach werden die meisten aber irgendwann wieder ausgegraben und auf eine erneute Reise durch das wunderbare Land von WordPress, Blogspot und Co. geschickt.
Mich selbst interessieren Stöckchen nicht besonders, auch wenn sie manchmal sicher eine gute Initiative zum Bloggen sein mögen. Ich schreibe lieber selbst etwas, da ich es etwas unoriginell finde, meinen Lesern und Leserinnen ein ausgelutschtes und schon dreimal wieder aufbereitetes Stöckchen zu servieren. (Was natürlich wie immer nicht heißt, dass ich dies irgendjemand verbieten oder schlecht reden möchte. Euer Blog, eure Regeln.)
Auf Celinas Blog stieß ich neulich auf ein altbekanntes Stöckchen, das wahrscheinlich schon zu meiner MyBlog-Zeit die Runde machte.
Besagtes Stöckchen soll wohl durch ein Ankreuzverfahren ermitteln, wie sehr “Junge” oder “Mädchen” man ist:

Die Jungsseite:

[ ] Du liebst Hoodies
[ ] Du liebst Jeans
[ ] Hunde sind besser als Katzen
[ ] Es ist lustig, wenn Leute hinfallen und sich wehtun
[ ] Du spielst gegen/mit Jungen in einem Team
[ ] Shopping ist grauenvoll
[ ] Traurige Filme sind scheiße
[ ] Du besitzt eine Konsole
[ ] Du hast als kleines Kind mit Hot Wheels gespielt
[ ] Als Kind wolltest du ein Feuerwehrmann sein
[ ] Du besitzt einen Handheld
[ ] Du bist/warst verrückt nach Power Rangers
[ ] Du schaust Sport im Fernsehen
[ ] Blutrünstige Filme sind cool
[ ] Du fragst deinen Vater nach Rat
[ ] Du hast eine Auszeichnung im Sport
[ ] Du hast Yu-Gi-Oh gespielt
[ ] Baggypants sind gemütlich zum tragen
[ ] Pyjamapartys sind merkwürdig
[ ] Grün, Schwarz, Rot, Silbern, Blau sind einige deiner Lieblingsfarben
[ ] Du liebst es, verrückt zu sein und dir ist es egal, was Leute darüber denken
[ ] Sport macht Spass
[ ] Du redest manchmal mit vollem Mund
[ ] Du schläfst mit Socken
[ ] Du hast schon einmal gefischt

Die Mädelsseite:

[ ] Du magst Shopping
[ ] Du trägst Eyeliner
[ ] Du trägst pink
[ ] Du bittest deine Mum um Rat
[ ] Du bevorzugst Cheerleading im Sportunterricht
[ ] Du hasst es, nur schwarz zu tragen
[ ] Du gehst gerne in Einkaufszentren
[ ] Du magst Maniküren/Pediküren
[ ] Du magst Schmuck zu tragen
[ ] Du hast geheult, als du “The Notebook” geschaut hast
[ ] Du hast viele Röcke
[ ] Shopping ist eins deiner liebsten Hobbys
[ ] Du hasst Star Wars
[ ] Du machst Gymnastik
[ ] Es braucht eine Stunde um zu duschen oder anzuziehen
[ ] Du lächelst öfter als du solltest
[ ] Du hast mehr als 10 Paar Schuhe
[ ] Die meiste Zeit denkst du über dein Aussehen nach
[ ] Du trägst gerne Kleider
[ ] Du benutzt gerne Parfüm oder Deo
[ ] Du magst High Heels
[ ] Als Kind hast du mit Puppen gespielt.
[ ] Du findest Liebesbriefe romantisch.
[ ] Du gehst oft zu zweit auf die Toilette.
[ ] Du liebst es dich zu schminken.

Ich frage mich, ganz im Ernst, wer sich diesen Bullshit ausgedacht hat beziehungsweise dieses Stöckchen wieder und wieder an die Oberfläche sämtlicher Blogcommunities und unabhängiger Blogs zerrt.
Selbst wenn ich meine Meinung, dass das Denken von Geschlechtern als binär rückschrittlich ist, aus dem Spiel lasse, ist es für mich offensichtlich, dass zum einen für Geschlechter vollkommen unspezifische Kriterien zur Polarisation benutzt werden (“Du liebst Jeans” – was, zur Hölle, hat das mit Mann-Sein zu tun? Dieser Punkt könnte genauso gut bei der weiblichen Seite stehen!) und zum anderen natürlich wieder auf die alten Vorurteile und Stereotypen zurückgegriffen wird. Einfallsreichtum und Tiefgang kann man von diesem Stöckchen wahrlich nicht erwarten, wenn man wie ich davon ausgeht, dass seine Aufgabe nicht ist, Geschlechterrollen und -klischees vorzuführen.
Also, lasst uns mal sehen – laut den Auswahlmöglichkeiten oben sind Männer und Jungen sportlich, technikversiert, haben eine große Abneigung gegen alles, was sie im Entferntesten als weiblich dastehen lassen könnte und scheren sich nicht darum, was andere von ihnen denken. Frauen und Mädchen hingegen sind auf ihr Aussehen fixiert, frönen dem Konsum (wow, gleich zweimal ein fast identischer Punkt zu Shopping, was die Aussage angeht), sind gefühlsduselig und machen wenn dann Gymnastik und Cheerleading als Sport.
Wieso sind solche starren Stereotype immer noch Gang und Gäbe? Ich kann mir vorstellen, dass nach diesen Kriterien sehr viele sich als Frau bezeichnenden Personen als “männlich” abschneiden. Ist das nicht der Beweis, dass es obsolet ist, “Mann” und “Frau” eigene Attribute zuschreiben zu wollen, weil jedes Individuum unterschiedliche Eigenschaften von beiden Seiten der von der Gesellschaft festgelegten Spektren hat? Niemand passt hundertprozentig in die Schablone, die wir ihm oder ihr aufdrücken wollen. Warum sprechen wir von “Frauenthemen”, sobald etwas mit Aussehen, Pflege und Einkaufen zu tun hat? Ich saß neben drei Freunden, die sich todernst und mit einer Selbstverständlichkeit über Fingernägel unterhalten haben. Dass die drei Gitarristen sind, erklärt vermutlich einiges, zeigt aber auch, dass “Frauenthemen” eben nicht nur Themen für Frauen sind. Wieso sollten sie auch einem Geschlecht vorbehalten sein? Wieso belächeln wir Männer, die auf ihr Aussehen achten, als “Mädchen” oder “Tussi”, als sei es beleidigend, amüsant oder herabsetzend, sich nicht an die als männlich festgelegten Verhaltensmuster zu halten? (Selbst oft genug miterlebt bei Schulkameraden, die gefühlt jede zweite Stunde im Spiegel die Frisur überprüft oder im Sportunterricht lieber am Spielfeldrand gestanden und gelästert haben.)

Interessant finde ich auch Geschlechterklischees im Zusammenhang mit Sprachgebrauch.
Ziert sich jemand, ist er oder sie eine “Pussy” (was sich wahrscheinlich nicht auf Katzen bezieht…) und kriegt zu hören, er oder sie stelle sich “mädchenhaft an”. Als Gegenpart fällt mir da “Eier haben” und “seinen Mann stehen” als Umschreibung für jemanden ein, der Rückgrat beweist.
Bei dem Stöckchen macht die “Mädchenseite” auf mich auch eher einen kindischen “Gnihihihi, Frauen interessieren sich nur für ihr Aussehen und sind ja solche Shopping Victims”-Eindruck, die “Jungsseite” ist dagegen recht Sport-/Wettbewerb-/Erfolg-orientiert. Das ist aber nur mein persönlicher Eindruck.

Oh, ich glaube den Knackpunkt der Sache habe ich ganz vergessen, sagt es nicht, es bricht mir sonst mein kleines Herz: es ist ja alles nur Spaß. Also hören wir bitte auf, Dinge zu hinterfragen, denn natürlich steckt kein Körnchen Wahrheit dahinter. Lachen wir darüber, und irgendwann nehmen wir vielleicht gar nichts mehr ernst und müssen uns keine Sorgen machen, dass der Witz vielleicht auf unsere eigenen Kosten geht.

Dienstag
25. Januar
2011

Banging your head against a brick wall

Neulich habe ich nach der Arbeit eine Entdeckung gemacht. Ich saß an der Haltestelle, schaute auf die Bahnanzeige, guckte weg, und da war er. Auf dem Mülleimer, ein Sticker, der mich sofort aufspringen ließ.


Das Trollface grinste mich hämisch an, ziemlich passend, denn ich habe den Aufkleber einfach nicht abbekommen, leider. Mit der Handykamera habe ich noch schnell ein Foto geschossen, um meine Entdeckung später Harri zu zeigen (endlich ein Konversationsstarter! Gibt es dazu schon einen socially awkward penguin?).

Ich bin ein totaler Fan von Streetart. Mein neuestes Buch in der Rubrik befasst sich mit Stickern und Paper Graffiti Art. Vielleicht überwinde ich eines Tages meine Paranoia, dass sofort Sirenen losheulen werden wenn ich einen Sticker auf eine Werbetafel klebe, und lege selbst los. Das ist schon ein kleiner Traum von mir.
Ein tolles Beispiel für Sticker als Streetart ist beispielsweise das Projekt I wish this was von Candy Chang. Die Künstlerin druckte Sticker im Stil der “Hello, my name is”-Aufkleber, nur mit dem Text “I wish this was”, und verteilte und und beklebte Häuserwände, Bauzäune und leere Schaufenster in New Orleans. Passanten konnten so leicht ihr Feedback zu ihrer Nachbarschaft abgeben – ich war erstaunt, dass die meisten Wünsche so ernsthaft waren, etwa nach einem finanziell tragbaren Einkaufsladen oder mehr sozialen Einrichtungen.


Am Sonntag darauf war ich wieder mal dem ausgedünnten Fahrplan ausgesetzt. 13 Minuten auf die Bahn warten? Nein danke. Ich habe beschlossen, eine andere Bahn zu nehmen und den Rest zu laufen, wäre plusminus ein paar Minuten auf das gleiche herausgekommen.
Auf meiner Strecke suchte ich nach einem weiteren Trollface-Aufkleber, der sich vielleicht leichter ablösen ließe, bin aber nicht fündig geworden. Stattdessen habe ich total viele andere Sticker entdeckt. Werbung für Bandauftritte, neu eröffnete Läden, Discos. Aber auch viele kleine Figuren, Aufkleber mit Sprüchen, sogar ein Batlogo habe ich gesehen.
Ich muss sagen, dass diese Nachbarschaft nicht gerade zu den schönsten Stuttgarts zählt. Sicher, es gibt schlimmere, aber die Gebäude sind alt und hier und da gibt es auch einen geschlossenen Laden oder eine leerstehende Bar, deren Äußeres bei weitem schon bessere Tage gesehen haben. Ein gefundenes Fressen für Plakat- und Graffiti-Künstler. Teilweise wurden auch Tafeln für Werbung angebracht, aber diese Plakate sind meistens abgerissen oder überklebt worden.
So bin ich an fast jedem Hauseingang, Laternenpfosten und Verkehrsschild auf neue Motive gestoßen – ein paar davon haben mir besser, andere schlechter gefallen.

Als ich am Ziel war dachte ich nochmal über diesen mehr oder weniger freiwilligen Spaziergang nach. Ich hatte kein einziges Mal gedacht, dass diese Plakate und Sticker die Ästhetik der Umgebung abwerten, im Gegenteil, sie waren das Einzige, was ich an der Umgebung überhaupt sehenswert fand und habe mir gewünscht, dass ich eine bessere Kamera (dabei) hätte, um ein paar dieser Highlights festzuhalten.
Sicher, ich persönliche finde es auch nicht sehr ästhetisch, wenn jemand seinen Tag an einem Wohnhaus hinterlässt, und über den künstlerischen Wert kann ich da auch nicht viel zu sagen. Trotzdem bin ich sehr abgeneigt, Graffiti und andere Streetart als Vandalismus zu sehen.
 
Kennt ihr diese neuen Werbetafeln? Die, bei denen die Werbebanner quasi durchlaufen und man für eine halbe Minute eine Werbung sieht, die dann von einer anderen abgelöst wird? Das ist ja an sich nichts Neues, aber an einigen Haltestellen und öffentlichen Plätzen, an denen bisher ganz einfache beleuchtete Anzeigen waren, habe ich jetzt solche Durchlaufanzeigen gesehen, bei denen sich die Werbungen abwechseln, aber in einem Abstand, der nicht mehr als ein paar Sekunden betragen kann.
Ich frage mich, warum Leute sowas machen, klar, möglichst viel Werbung in möglichst kurzer Zeit zu zeigen, um möglichst viel Geld zu machen, aber bevor ich mich überhaupt mit der Werbung auseinandersetzen kann, ist schon die nächste da. Nicht nachdenken, nur konsumieren. Ich finde diese Tafeln schrecklich, das Geräusch, mit dem diese Plakatrolle bewegt wird, macht mich unruhig, die ständige sich abwechselnde Anzeige mach mich wütend, weil heutzutage alles nur noch aus Werbung zu bestehen scheint, möglichst viel, möglichst oft. Was soll daran besser sein als an dem, was von den Initiatoren dieser Werbung als Vandalismus bezeichnet wird? Meiner Meinung wird eine Umgebung durch eine Werbetafel, die nicht eine, nein drei oder mehr Anzeigen zeigt, viel mehr verunstaltet, als dies jedes Graffiti jemals könnte.

The people who run our cities don’t understand graffiti because they think nothing has the right to exist unless it makes a profit. The people who truly deface our neighborhoods are the companies that scrawl giant slogans across buildings and buses trying to make us feel inadequate unless we buy their stuff. Any advertisement in public space that gives you no choice whether you see it or not is yours, it belongs to you, it’s yours to take, rearrange and re-use. Asking for permission is like asking to keep a rock someone just threw at your head.
– Banksy

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